Autoren A-F


>> vergrößern

Brüggemann, Heinz - Architekturen des Augenblicks - Raum-Bilder und Bild-Räume einer urbanen Moderne in Literatur, Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts.

ISBN: 3930345323

Sofort lieferbar

Preis: 34,80 EUR


Menge:

In den Warenkorb Merkzettel

Zum Inhalt

Wird die technische Stadt des 20. Jahrhunderts vor allem bestimmt durch die Vorherrschaft des Sehens und der Sichtbarkeit, durch die Hegemonie raum-zeitlicher Ordnungen? Reden ihre uniformen Räume zu uns allein im visuellen Vokabular funktionaler Neutralität, während partizipatorische, involvierte Erfahrungsweisen der nächsten Umwelt verschwinden ? Worin bestehen ihre Identität als ein Ort, ihre konkreten und symbolischen Konstruktionen des Raumes, ihr soziales und kulturelles Gedächtnis? Oder ist sie zum überall gleichen, uniform ausgestatteten Transitraum, zum Nicht-Ort einer Übermoderne geworden? Der Autor greift solche Fragen auf, indem er an die Anfänge der urbanen Moderne im 20. Jahrhundert, an die Epochenschwelle von 1910, zurückgeht und sie an die Bildende Kunst, die Literatur, die Architektur- und Kulturtheorie seit dem frühen italienischen Futurismus richtet. In ihren Beiträgen: in den Texten der großen Stadtromane von Franz Kafka, James Joyce und Robert Musil, in den Bildern, den architektonischen Entwürfen und urbanistischen Modellen sucht er die Figurationen der Sinnlichkeit der Stadt, die Intensität und die Formen ihrer Aneignung und zugleich die Erfindung neuer Räume und residualer Orte auf. Indem die Analyse Formkategorien wie gegenseitige Durchdringung, Transparenz, Öffnung der Figur, Ansichtenmannigfaltigkeit, die sich vor allem in der Wahrnehmung, der Ästhetik der urbanen Räume herausgebildet haben, rekonstruiert und diskutiert, kann sie zeigen, daß es bei all diesen scheinbar nur ästhetischen Fragen, vom Futurismus bis zu Robert Musil, um eine grundlegende geht, die nach den Lebensformen und den Lebensmöglichkeiten in der urbanen Moderne - um ihr kulturelles Selbstverständnis, um Selbstbemächtigung und Selbstverlust, um Heimisch-Werden, Verortung und Atopie ihrer Bewohner. Der neue Blickwinkel dieses Buches besteht darin, daß es die Grenzen der Disziplinen überschreitet, Texte, Bilder, Konzepte umbauten Raums in dialogische Beziehungen miteinander bringt, wie sie so noch nicht ansichtig geworden sind: immersive Bildräume des frühen Futurismus mit den literarischen Angst- und Macht-Räumen in Franz Kafkas Verschollenen, rein funktionalistische Raumkonzepte mit surrealistischen Raumbildern (Le Corbusier und Benjamin), die polyperspektivischen, mehrsinnigen Formsprachen des Kubismus und der Metamorphose mit den Bild-Räumen und von städtischer Konstruktion erfüllten Figuren in Joyce' Ulysses, die essayistischen Raumerfindungen der modernen Oberfläche in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften mit den Schatten, die die Nicht-Orte der Übermoderne vorauswerfen. So wird gegen die einansichtige, monofokale Zurichtung eines von optischer Logik dominierten mainstream-Modernismus, wie sie der Poststrukturalismus in der Nachfolge Heideggers veranstaltet hat, Bild und Text einer pluralen, vielstimmigen, mehrsinnigen Moderne wieder kenntlich gemacht, um ihre unabgegoltenen Probleme in unserer Gegenwart zum Sprechen zu bringen. ______________________________________________________________

Rezensionen:

Neue Züricher Zeitung, 11. März 2004

Bildräume - Raumbilder

Heinz Brüggemanns Architekturen des Augenblicks

Ein Handbuch für die Stadt , so formulierte es Arno Schmidt einmal, sei der "Ulysses" von James Joyce. In der Tat: Neben Protagonisten wie Leopold Bloom und Stephen Dedalus kennt der Roman einen weiteren Hauptakteur - Dublin. Suchte Walter Ruttmann mit seinem Montagefilm "Berlin - Symphonie einer Grossstadt" einige Jahre später (1928) die Physiologie einer Stadt in Physiognomie zu verwandeln, indem er die ebenso abstrakten wie alltõglichen Rituale der in ihr lebenden oder tõtigen Menschen zu strengen Kompositionen verdichtete, so hatte der irische Autor eine vergleichbare Montagetechnik verwendet, um die Komplexitõt stõdtischen Lebens in der sequenziellen Organisation eines Textes wiederzugeben. Es geht indes im Roman nicht allein um die Schilderung der Phänomene des Urbanen, sondern zugleich um die Wahrnehmung der Akteure. Mensch und Welt stehen einander nicht mehr gegenüber: die seit der Renaissance gültige Beziehung zwischen Subjekt und Objekt hat sich grundlegend verõndert. An die Stelle der rein visuellen Wahrnehmung tritt ein Vibrieren und Oszillieren; urbaner Raum und Körper entgrenzen sich wechselseitig. Das äussere findet seine Bühne im Inneren, so wie das äussere als Projektionsfläche gleichsam animiert wird.

"Neues Sehen"

In seinem Buch "Architekturen des Augenblicks" spürt der in Hannover tätige Germanist Heinz Brüggemann jenem "neuen Sehen" nach, das als konstitutiv für die Entwicklungsgeschichte der Moderne am Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden werden kann, weil es den radikalen Bruch mit dem cartesianischen Perspektivismus vollzog. Die besondere Bedeutung der materialreichen Studie, welche immer wieder durch aufschlussreiche Querbezüge überrascht, besteht in ihrem interdisziplinõren Ansatz, welcher die getrennten Diskurse überblendet. "Raum-Bilder und Bild-Räume" - so der Untertitel - in Literatur, Kunst und Architektur werden gleichermassen behandelt. Dabei verfolgt der Autor, in welchem Masse die Dominanz des Sehsinns einer synästhetischen, sämtliche Sinne tangierenden Wahrnehmung des Urbanen weicht. Von der Stadtwahrnehmung der italienischen Futuristen spannt sich der Bogen über die New-York-Visionen Franz Kafkas, das Berlin Alfred D÷blins und Benjamins Pariser "Passagenwerk" bis hin zu Joyces "Ulysses" und Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" . Brüggemann spürt der Veränderung ästhetischer Wahrnehmung auf allen Ebenen nach, handele es sich um die Auflösung des Ich, die Dynamisierung der Objektwelt oder den Sprachwirrwarr der Metropolen. Einen der wesentlichen Ausgangspunkte bildet für Brüggemann Aby Warburgs berühmter Kreuzlinger Vortrag von 1923 über die Schlangenrituale der Indianer Nordamerikas, dem er die Gegenüberstellung eines "Andachtsraums" und eines "Denkraums" verdankt. Die Ambivalenz von (magischem) Selbstverlust und distanzierter Besonnenheit interpretiert Brüggemann als grundlegende Matrix, die stõndig neu aufscheint - etwa wenn Carl Einstein in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts die Begriffe vision (Halluzination) und vue (optisches Sehvermögen) verwendet.

Plädoyer für Komplexität

Nicht zuletzt ist das anspruchsvolle Werk eine Fundgrube für Architekturinteressierte. Denn der Autor setzt sich nicht nur mit der polyfokalen und polyperspektivischen Optik der literarischen Stadtbeschreibung auseinander, sondern interpretiert in einem bemerkenswerten Kapitel auch kritisch die puristisch-konstruktivistischen Konzeptionen von Le Corbusier und Amédée Ozenfant sowie die Schriften von Sigfried Giedion als Versuche, die Wahrnehmung des Urbanen rationalistisch zuzuspitzen. - Ohne Zweifel ist Brüggemanns Buch ein Plädoyer für die Komplexität der realen und fiktiven, der architektonischen wie literarischen Stadt der Moderne. Kein Wunder, dass er vor jeglicher Eindimensionalität warnt: ob vor jener des Funktionalismus der ausgehenden zwanziger Jahre oder vor jener heutiger Provenienz, bei der die Vielgestalt einer historisierend camouflierten Obsession der Ordnung geopfert wird.

Hubertus Adam

_________________________________________________________

"Wieder einmal blieb es einem kleinen (...) Verlag vorbehalten, ein anspruchsvolles und umfangreiches Buch über Film (Wim Wenders Lisbon Story) und Kunstgeschichte (Aby Warburg), Philosophie (Martin Heidegger) und italienischem Futurismus (Umberto Boccioni u.a.), über Kulturtheorie (Walter Benjamin), Architektur (Le Corbusier und Siegfried Giedion) und Literatur (Kafka, Joyces Ulysses und Musils Mann ohne Eigenschaften) herauszubringen. Architekturen des Augenblick (der Titel geht auf einen Gemeinschaftsartikel der Fotografin Germaine Krull und Franz Hessel in der Beilage der Frankfurter Zeitung zurück) ist ein durch und durch gelehrtes Buch - und in der konsequenten Überschreitung bzw. Ignorierung obsolet gewordener Fachgrenzen ganz auf der Höhe, nein: nicht der Zeit, sondern vielmehr seines Themas: der "Hegemonie des Sehens, der visuellen Wahrnehmung" in der Moderne. Im Zentrum einer Untersuchung der Raum-Bilder und Bild-Räume in der urbanen Moderne stehen Fragen nach "den Formen und Intensitäten der Aneignung der neuen (...) technischen Stadt, steht die Frage nach den Lebensformen und Lebensmöglichkeiten (...), nach Selbstbemächtigung und Selbstverlust, nach Heimisch-Werden, Verortung und Atopie ihrer Bewohner.(...) Worin besteht ihre konkrete und symbolische Identität als Ort, ihr soziales und kulturelles Gedächtnis? Ist sie nurmehr Transitraum, Nicht-Ort (...) einer Übermoderne?" Das sind Themen, die eben nur auf den ersten Blick rein ästhetische Probleme berühren. Ein vielseitiges Literaturverzeichnis vermittelt eine Ahnung von der ganzen Belesenheit des Verf., die freilich der Originalität seiner Gedanken keinen Abbruch tut. Das Werk ist gewiß nicht leicht zu "konsumieren", aber wer sich durch die gut 560 S. hindurchliest, wird reichen Gewinn für sich davontragen."

Momme Brodersen In: Germanistik. Band 43 (2002) Heft 3/4.

____________________________________________________

Wie die Analysen von Bollenbeck und auch die Untersuchungen Zeev Sternheils (zur Genese des Faschismus in Frankreich und Italien) versucht auch dieser Band, die Moderne, insbesondere die moderne Stadt, ihre Entwicklungen und Fehlentwicklungen (zu „Nicht-Orten"?) verstehbarer zu machen, ihre Ursprünge und Wandlungen aufzudecken anhand von Filmanalyse (Wim Wenders), Reflexion der (Groß-)Stadtentwicklung (Döblin), philosophi- scher Reaktionen (Heidegger), Literatur (Kafka), Architektur (Le Corbusier und Ozenfant, Siegfried Giedon), Kulturtheorie (Benjamins „Passagen"), Roman (James Joyce „Ulysses" und Musils „Mann ohne Eigenschaften"). Im Vordergrund steht die Frage „nach den Formen und Intensitäten der Aneignung der urbanen Räume, der technischen Stadt, ... nach den Lebensformen und Lebensmöglichkeiten in der urbanen Moderne, nach Selbstbemächtigung und Selbstverlust, nach Heimisch-Werden, Verortung und Atopie ihrer Bewohner." Kenntlich gemacht wird eine plurale, vielstimmige und mehrsinnige Moderne; zum Sprechen gebracht werden ihre unabgegoltenen Probleme und Träume- ein Rhizom, das sich jeglicher binären Erklärungen entziehen muß. Die Lektüre von Brüggemanns sensiblen (Diskurs-)Analysen lohnt die Mühe, auch wenn sie manchmal ungeduldig macht: Die analysierten Texte werfen ihre Schatten überdeutlich voraus. Doch der Analytiker verzichtet (zu sehr) darauf, diese Schatten deutlich beim Namen zu nennen. Prof. Siefried Jäger in: DISS-Journal. Zeitung des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung. 10 (2003)

_________________________________________________________

Brüggemann, Heinz: Architekturen des Augenblicks. Raum-Bilder und Bild-Räume einer urbanen Moderne in Literatur, Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts. - Hannover: Offizin-Verl. 2002. 580 S., IU. (Kultur und Gesellschaft; 4) Die Schriftstellerin Tanja Dückers hat unlängst in der Süddeutschen Zeitung eine zunehmende “Literarisierung des Politischen” konstatiert. Dabei scheint es sich durchaus um eine eher grundsätzliche Entwicklung zu handeln, unterliegt doch auch das Städtische seit geraumer Zeit einer augenscheinlichen Literarisierung. Die Metaphern mehren sich; Diskurs wird sie genannt, als Sprache oder Schrift wird sie bezeichnet - die Großstadt. Wer sich in ihr bewegt, sei, so wird es suggeriert, eine Art Leser, und sie verfüge wie ein literarischer Text über so viele Interpretationen, wie jener Leser habe. Diese Richtung der Erklärung hat berühmte Vordenker zu verzeichnen: Ludwig Wittgenstein versuchte das Phänomen Sprache mit der (antiken) Stadt zu beschreiben. Heute, das wäre festzuhalten, ist die Stadt selbst zum Kommunikationssystem geworden. In dieser Sphäre operiert auch der Germanist Heinz Brüggemann. Mit seinem Buch “Architekturen des Augenblicks” spürt er jenem “neuen Sehen” nach, das als konstitutiv für die Entwicklungsgeschichte der Moderne am Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden werden kann, weil es den radikalen Bruch mit dem cartesianischen Perspektivismus vollzog. Die besondere Bedeutung der materialreichen Studie besteht in ihrem interdisziplinären Ansatz, der die getrennten Diskurse überblendet. “Raum-Bilder und Bild-Räume” - so der Untertitel - in Literatur, Kunst und Architektur werden gleichermaßen behandelt. Dabei verfolgt der Autor, in welchem Maße die Dominanz des Sehsinns einer synäs-thetischen, sämtliche Sinne tangierenden Wahrnehmung des Urbanen weicht. Von der Stadtwahrnehmung der italienischen Futuristen spannt sich der Bogen über die New-York-Visionen Franz Kafkas, das Berlin Alfred Döblins und Benjamins Pariser “Passagenwerk” bis hin zu Joyces “Ulysses” und Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften”. Freilich birgt der Versuch, Architektur mit Literatur, Städtebau mit Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Urbanität mit bildender Kunst in Verbindung zu bringen, naturgemäß einige Unabwäg-barkeiten. Vergleiche hinken mitunter. Gleichwohl macht vor allem der Umstand, dass die Bedeutung der “Stadt” für das Individuum nicht allein dem Augenblick der Wahrnehmung, sondern auch der späteren Erinnerung geschuldet ist, den Vergleich mit “Text” plausibel. Und in gewisser Hinsicht ist das, was man Apperzeption nennen könnte, nämlich die Aufnahmebereitschaft für den Glanz reiner Dinglichkeit, Leitfaden des Buches insofern, als seinem Inhalt eine entschiedene Neugier für die Welt der Objekte, für das Phänomen Großstadt zugrunde liegt. Die Kernfragen des Autors geben nicht nur Auskunft über die argumentative Zielrichtung, sondern auch über seine weiteren Ambitionen: Worin besteht die Identität der Stadt als ein Ort? Wie sind ihre konkreten und symbolischen Konstruktionen des Raumes, ihr soziales und kulturelles Gedächtnis beschaffen? Ist sie womöglich zum überall gleichen, uniform ausgestatteten Transitraum, zum Nicht-Ort einer Übermoderne geworden? Wird die moderne Stadt des 20. Jahrhunderts bestimmt durch die Vorherrschaft des Sehens, durch eine Hegemonie räum-zeitlicher Ordnungen? Spricht sie zu uns nur noch im visuellen Vokabular technischfunktionaler Neutralität? Sind partizipatorische, invol-vierte Erfahrungsweisen der nächsten Umwelt längst getilgt? Indem Brüggemann in seinen Antworten auf die Anfänge der urbanen Moderne zurückgreift und sie mit den Beiträgen der Bildenden Kunst, der Literatur, der Architektur- und Kulturtheorie konfrontiert, erzeugt er ein Panoptikum, welches zumindest jene in den Bann zu ziehen vermag, denen ein Faible für umgreifende Theorien zu eigen ist. Dennoch - oder gerade deshalb - wäre es naiv, anzunehmen, dass dieser eigenwillige Versuch einer Inhaltsbestimmung von Stadt zur Vereinfachung ihrer planerischen Handhabung beiträgt. Darum ist es dem Autor nicht zu tun. Vielmehr spürt er der Veränderung ästhetischer Wahrnehmung auf allen Ebenen nach, handele es sich um die Auflösung des Ich, die Dynamisierung der Objektwelt oder den Sprachwirrwarr der Metropolen. Zweifelsfrei stellt Brüggemanns Buch ein Plädoyer dar für die Komplexität der realen und fiktiven, der architektonischen wie literarischen Stadt der Moderne. Monokausale Erklärungen und Eindimensionalität sind seine Sache nicht, was auch in Kapitelüberschriften wie “Die fordistische Stadt und die ungeheuere Oberfläche des 'modernen Durcheinanders'” zum Ausdruck kommt. Und es kann kaum verwundern, dass nicht nur vor den Verengungen eines mittlerweile tradierten “Funktionalismus” gewarnt wird, sondern auch vor jenen aktuellen Tendenzen, die räumliche und ästhetische “Ordnung” um den Preis einer historisierend camouflierten Obsession erkaufen wollen. Gewiss ist diese bildungsgesättigte, an aufschlussreichen Quer- und Quellenverweisen reiche Studie eher an litararischen denn an fachspezifischen Maßstäben zu messen. Innerhalb derer jedoch verfügt sie über ein enormes Eigengewicht. Denn die Stadt mag in der Tat eine Schrift sein, wie es Victor Hugo noch reichlich metaphorisch - und wohl als erster - aussprach, ein Text, in dem die einzelnen Namen ein lesbares Ganzes bilden. Auch Walter Benjamin wird es mehr geahnt als gewusst haben, als er davon sprach, dass die Straße den Flanierenden in eine “entschwundene Zeit” führt. Nach der so opulenten wie beredten Studie von Brüggemann wissen wir es jetzt genauer.

Robert Kaltenbrunner (Bonn/Berlin) in Raumforschung und Raumordnung (RuR), 2/2004, S. 160f.

________________________________________________________

Heinz Brüggemann: Architekturen des Augenblicks

Was verbindet die Manifeste, Gemälde und Schriftbilder (tavola parolibera) des italienischen Futurismus mit den literarischen Textfragmenten Franz Kafkas (Der Verschollene) und Walter Benjamins Passagenwerk? Was diese wiederum mit den architekturtheoretischen Schriften von Le Corbusier und Siegfried Giedion? Und wie stehen die grossen Romane von James Joyce (Ulysses) und Robert Musil (Der Mann ohne Eigenschaften) mit alledem in Beziehung? Sie alle sind Positionen im Ringen um die Wahrnehmungsformen der Stadt in der ersten bis vierten Dekade des 20. Jahrhunderts, die der in Hannover lehrende Germanist Heinz Brüggemann in den "Architekturen des Augenblicks" versammelt. Er nimmt darin die zeitgenössische Kritik an der abstrakten Ortlosigkeit und der Kommerzialisierung von Bildern und Stadträumen der surmodernité (Marc Augé) auf und verankert gleichzeitig diese ungelösten sozialen und kulturellen Problemfelder in der Tradition der kritischen Moderne. Die Hegemonie des poststrukturalistischen Diskurses über die Stadt, über ihre Wahrnehmung, ihre Identität, ihre Sinne und Sinnlichkeit, ihre Repräsentationsformen in Medien, Kunst und Literatur wird vom Autor in Frage gestellt. Er "dekonstruiert" die verbreitete These einer durch ihre einseitige Orientierung auf Visualität und Rationalität verarmten Moderne als simplifizierenden Mythos und macht die Ursprünge dieser «Erzählung» eines "Phallo-Logo-Okular-Zentrismus" bei Heideggers onto-logisch-hermeneutischer Kulturkritik dingfest.

Heinz Brüggemann erinnert an die vielschichtigen Strategien künstlerischer Repräsentation, an die Aufhebung und Ablösung der Perspektive als herrschende symbolische Form in der Malerei durch die Mehransichtigkeit und Stilmischung des Kubismus und Futurismus um 1910. Und er zeigt die Parallelen dieser veränderten Wahrnehmungsweise - der Öffnung der Subjekt-Objekt-Grenze, der Überlagerung von Raum und Zeit und der Dynamisierung der Umwelt - in den Erzähltechniken des neuen Romans. Plötzlich antworten die Angst(t)räume des fiktiven New York in Kafkas Erzählung auf die futuristischen Versprechen einer Auflösung von Innen und Aussen, einer sinnlichen Selbstentäusserung und einer grenzenlosen Mobilität, deren soziale Machtstruktur von Kafka blossgestellt wird.

Brüggemann verfolgt die Relativierung des abbildenden Sehens (vue) durch halluzinatorische und surreale Wahrnehmungsformen (vision) und deren Entgrenzung zu absorptiven, leiblichen Erfahrungsweisen. Der Autor interpretiert "Stadt" als ein kollektives Kraftfeld, in dem ein Konflikt zwischen identitätsstiftender, synästhetischer Teilhabe und deprivatisierender Zivilisation ausgetragen wird. Dessen Pole beschreibt Brüggemann mit den Kategorien Aby Warburgs als Andachtsraum und Denkraum: auf der einen Seite steht der magisch-religiöse Aneignungstrieb und der Wunsch nach rauschhaftem Selbstverlust des Individuums im Anderen, auf der anderen das rational distanzierende Denken in symbolischen Begriffen.

Selbst die Texte von Le Corbusier und Giedion offenbaren der Lektüre Brüggemanns das Bemühen um eine Akkulturation der abstrakten Welt der Kunst und Architektur der Moderne: es bestehe eine strukturelle Analogie zwischen dem "Modernen Menschen" und seiner wissenschaftlichen Denkweise mit der arbeitsteilig technisierten Produktion ebenso wie zwischen der veränderten Wahrnehmungsweise der "Neuen Optik", der puristischen Kunst und dem funktionalistischen Urbanismus. Transparenz und Konstruktionsästhetik erscheinen somit als Teile eines umfassenden historischen Projektes, bei dem moderne Kunst und Architektur über die Wahrnehmung eine moderne Einstellungen der Menschen bewirken, und zugleich die technisch-geometrische Umwelt mit Bedeutung expressiv aufladen: die Maschine als symbolische Form.

Die frühe Phase von Benjamins "Passagenwerk" ist von surrealistischer Poetik geprägt - der Titel Architekturen des Augenblicks ist einer Bild-Text-Montage von 1927 entnommen, einem gemeinsamen Produkt der Parisflaneure Walter Benjamin, Germaine Krull und Franz Hessel - doch zeigt Brüggemann, wie das Projekt im weiteren Verlauf durch die Auseinandersetzung mit Giedions Sicht des "Neuen Bauens" zu einem Diskursfeld zwischen rationalistischem Sehen und expressiver Phantasie, distanzierter Abstraktion und halluzinativer Teilhabe, Nüchternheit und Rausch, Erwachen und Traum ist. Im Zentrum steht dabei Benjamins retroaktive Analyse der Passage als Schwellenraum der Moderne -nicht Delirious New York, sondern Paris délirant. In seiner Lektüre der Stadtportraits von Joyce und Musil weist Brüggemann ausführlich die Übertragung von Wahrnehmungsmodi der Moderne wie Transparenz und Durchdringung, Schweben und Entmaterialisierung, Collage und Montage in die Literatur nach. Doch scheint hier die Polarität, die er noch bei Walter Benjamin ausmacht, in Multimaterialität und Polyfokalität aufgelöst: unterschiedlichste Stillagen und Blickwinkel werden von den beiden Romanautoren als differenzierendes und atmosphärisches Mittel eingesetzt, in Mischungen und komplexen Verschränkungen.Eine Klammer zwischen dem frühen und dem ausgehenden 20. Jahrhundert wird durch die Beschreibung des Films Lisbon Story von Wim Wenders geschaffen, die Heinz Brüggemann seiner umfassenden interdisziplinären Studie als Prolog voranstellt und mit der er die anhaltenden Debatten um Wahrnehmung und Partizipation von Stadt und Bild in Kunst, Architektur und Literatur durchspielt. Umso erstaunlicher ist das Fehlen eines abrundenden Epilogs von ähnlicher Eleganz. Wer Urbanität und Identität als Denk- und Wahrnehmungsweisen begreift, die ständig neu ästhetisch, kulturell und gesellschaftlich verhandelt werden müssen, der wird den Grundgedanken Brüggemanns "einer Entsprechung, einer Korrespondenz zwischen der Struktur der Stadt, ihrem Text- und Zeichensystem, und der Bild-und Formsprache von Kunst und Literatur bzw. eines technischen Mediums" (S. 37) verstehen und mittragen, auch wenn der Text sich wegen seiner Komplexität und höchstdifferenzierten, stellenweise auch redundanten Sprache zumindest einer rauschhaften Aneignung entzieht. Ob das Plädoyer für eine plurale, synästhetische, partizipatorische und anhaltende Moderne deshalb angehört verklingt? Und: Warum fragen wir Architekten zuerst nach der Anzahl der Abbildungen in einem Buch?

Ole W. Fischer in "werk, bauen + wohnen", 92./59. Jahrgang, Zürich, 1/2 2005,

Kunden Rezensionen:

Schreiben Sie zu diesem Artikel eine Online-Rezension
Warenkorb

0 Artikel im Warenkorb

Warenkorb einsehen

Preise inkl. gesetzl. MwSt.

Newsletter