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Duden, Barbara: Die Gene im Kopf - der Fötus im Bauch - Historisches zum Frauenkörper

  • Vor bald zwanzig Jahren hat Barbara Duden den Begriff der "Geschichte des Körpers" geprägt. Die Forderung, das epochenspezifische Erlebnis des eigenen Körpers als etwas historisch Gewordenes zu verstehen, schien damals unerhört. Der Körper kam bestenfalls in der Kunst-, Symbol- oder Medizingeschichte vor - als der Körper des Anderen, der Körper des Modells, der Körper des Patienten. Darum ging es Barbara Duden von Anfang an nicht. Sie forderte das Studium der Wandlungen der "somatischen" Selbstwahrnehmung als einen Grundpfeiler für die Frauengeschichte, die damals gerade erst im Entstehen war.

    In "Geschichte unter der Haut" (1987/1991) interpretiert Duden acht Bände der Protokolle eines provinziellen barocken Arztes daraufhin, wie Frauen um 1730 über ihr Weh klagen. In einer "Anatomie der Guten Hoffnung" untersucht sie vier Jahrhunderte der Bildgeschichte des schwangeren Bauches und des Ungeborenen, und wie um 1800 anstelle eines Kindes erstmals die embryonale Form abgebildet wird. Im "Frauenleib als Öffentlicher Ort" (1991/1994) untersucht die Autorin wie die Technik und Gesetzgebung der Nachkriegszeit entscheidend das körperliche Selbstbewußtsein ihrer Generation gestaltet haben. Wie der Schwangerschafts-Test das vermutete Schwangergehen in einen diagnostizierten Zustand verwandelt hat. Wie die Visualisierung der Leibesfrucht den "öffentlichen Fötus" geschaffen hat; als dessen "biologisches Umfeld" die Frau sich zu verstehen lernt: vor allem aber, wie das erwartete Kind zu "einem Leben" wurde, das erhoffte Kind zu einer Sache wurde, die gesellschaftlich als "höchster Wert" schutzbedürftig ist.

    Schritt auf Schritt zeigt die Abfolge der hier gesammelten Schriften, wie aufschlußreich es ist, aus dem Verständnis vergangener Erfahrungswelten auf die Gegenwart zurück zu blicken. Auf die "Rute" zwischen den Beinen, als auch Frauen sie hatten. Auf das Monatsblut, bevor es uterine Schleimhaut war. Auf die Schwangerschaft vor dem Stethoskop, dem Test, dem Ultraschall, ja dem Embryo. Barbara Duden argumentiert, daß nur aus einer bewußt gepflegten historischen Distanznahme die ungeheuerlichen Veränderungen im Selbstbewußtsein und in der gesellschaftlichen Praxis der Gegenwart begriffen werden können, die der rote Faden sind, der die vorliegende Sammlung öffentlicher Interventionen verbindet.

    Die Texte in diesem Band sind allesamt Versuche einer Käuzin aus der Geschichtswissenschaft, die Stimme zu finden um die Teilnehmer an einem öffentlichen Gesprächs zur Besinnung zu bringen. Meist sind sie auf der Suche nach einer Stimme, um die Zuhörer darauf aufmerksam zu machen, daß Voraussetzungen, die ihnen zur Selbstverständlichkeit geworden sind, an einem früheren Moment ihres eigenen Lebens ihnen unvorstellbar, ja undenkbar erschienen wären. Eine Stimme, die den tödlichen Ernst brechen kann, mit dem das menschliche Genom besprochen, das Neugeborene Kind als Risikoträger bezeichnet, eine statistische Population mit der Bevölkerung einer Ortschaft verwechselt oder der Nächste zu "einem Leben" degradiert werden kann.

    In den meisten dieser Vortragsmanuskripte muß der aufmerksame Zuhörer das Gefühl gehabt haben, an einem Beschwörungsritual teilzunehmen, denn meist gelingt es der Rednerin, eine lange verstorbene Frau als ihre Zeugin zurückzurufen. Bei allen diesen Interventionen wird die Leserin spüren was es Barbara Duden gekostet haben muß, auf die Sicherheit zu verzichten, die ihr im letzten Kriegsjahr angeborene und seither anerzogene Sinnlichkeit methodisch in Klammern zu setzen, um für die körperliche Intimität dieser uns sehr fremden Frauen ansprechbar zu werden.

    Barbara Duden lehrt als Historikerin seit 1994 am Institut für Soziologie der Universität Hannover. Nach dem Abschluß ihrer Studien am Institut für Neuere Geschichte der Technischen Universität (TU) Berlin hat sie sich viele Jahre dafür eingesetzt, die Zeit- und Wissenschaftsgeschichte nicht nur auf ihre körperbildende Prägemacht hin zu untersuchen, sondern auch aus einer technisch-kritischen Haltung heraus, durch öffentliches Auftreten Frauen zu ermutigen, den illusorischen Versprechen der "Reproduktionsmedizin" nicht auf den Leim zu gehen. Einladungen, die Geschichte der epochalen Blickgewohnheiten, die Geschichte der ärztlichen Anamnese und die Geschichte der Prägemacht von Technik zu unterrichten, führten zu längeren Aufenthalten in Kalifornien und Pennsylvanien (1984-1990), und an die Universitäten Basel, Zürich, Tübingen und Frankfurt.

    REZENSIONEN:

    Disziplinierte Entfremdung Barbara Duden über Körperwahrnehmung

    «Ich bin auf der Spur von Fleisch, und nicht von Text» - der methodische Schlüsselsatz der Körperhistorikerin Barbara Duden sticht ins Auge, zumal sie sich - wie alle historiographisch Tätigen - auch auf Texte stützen muss. Wie nur kommt sie nicht dem Papier, sondern dem Fleisch und sogar dessen «Saft» auf die Spur? Im Satz spricht sich das wissenschaftliche Selbstverständnis einer kompromisslosen Wissenschafterin und prägnanten Stilistin aus.

    Barbara Duden hat das sukzessive Auflaufen des Interesses am Körper zur wissenschaftlichen, ästhetischen, biotechnologischen und gesellschaftspolitischen Hochkonjunktur von Anfang an ebenso empathisch wie kritisch beobachtet. Mit Scharfsinn und Vehemenz tritt sie auch der «Auflösung» des Körpers im postmodernen Diskurs entgegen, und zwar mit ihrem wahrnehmungskritischen Projekt zu den biomedizinischen Utopien unserer und vergangener Zeiten.

    Sie hat horchen gelernt, nicht erst heute, sondern mit dem Eisenacher Dr. Storch. In langjähriger Arbeit hat Barbara Duden die inneren Erfahrungswelten, wie sie dieser Mediziner des 18. Jahrhunderts aus den Berichten seiner Patientinnen herausgehört hat, zu fassen und zu ordnen gesucht. Das daraus entstandene Projekt nennt sie «historische Somatologie». Sie sieht sich selbst mit Fleisch und Blut in diese Wahrnehmungsgeschichte involviert und erlebt «Alterität» - Andersheit - in mannigfachen, längst nicht mehr nur retrospektiven Brechungen. Sie ortet sie im Hier und Jetzt, denn ihr Erkenntnisinteresse hält Schritt mit den technologischen und gesellschaftspolitischen Neuerungen. - Duden praktiziert «disziplinierte Entfremdung» für jene Ärzte, Hebammen, Genforscher und Wissenschaftshistoriker, die sie im vergangenen Jahrzehnt als Referentin zu ihren Kongressen eingeladen haben, sowie auch für das Lesepublikum des eben erschienenen Sammelbandes. Bereits sein Vorwort macht deutlich, wie die Autorin subkutane Wahrnehmungsprägungen erkenntnishistorisch und sprachkritisch einordnet. Sie legt den Finger auf die blinden Flecken der Körperwahrnehmung, auf Erfahrungen, welche die Entwicklungen in der Visualisierungstechnologie, der Genetik, der Pränataldiagnostik und der Fortpflanzungsmedizin allmählich getilgt haben. In den einzelnen Beiträgen spürt sie der Archäologie dieses Fleisches nach. Es sei auf dem Weg in die Moderne «ausgetrocknet» und in unserer «unsinnlichen Gegenwart» virtualisiert worden. Erfahrungen, die dem Ich zugeschrieben werden, kann es nicht mehr selbst machen und verantworten.

    Dieser Erfahrungsbegriff unserer Zeit zeitigt gesellschaftspolitische Folgen, die in allen von Barbara Duden anvisierten Bereichen unabsehbar sind. Nur aus dem Blick auf ein Damals heraus vermag sie beispielsweise zu zeigen, dass die Fortsetzung der Schwangerschaft heute zur unheimlichen Option geworden ist, dass die Frau dafür verantwortlich und die vorgeburtliche Diagnose des Fötus zur sozialen Pflicht gemacht wird. Inzwischen hat die pränataldiagnostische Oberhoheit über das intrauterine Kind ihr Janusgesicht enthüllt: das eingeforderte Recht auf Nicht-Geburt. Auch im genetischen Diskurs ist lebensbestimmend geworden, was nie in die somatisch-sinnliche Erfahrung eines Menschen kommen kann. Das Genom ist in Zeiten, denen Gott abhanden gekommen ist, zu einer neotranszendenten Grösse geworden, die das Ich immer nur im Kopf haben wird, nie aber in die Erfahrung bekommen kann. So gerät der Mensch in eine «Schizoaisthesis», wie Barbara Duden die gegenwärtigen Wahrnehmungsmuster am diesjährigen Schweizer Historikerinnentag an der Universität Zürich diagnostizierte.

    «Körpergeschichte» ist ein Phänomen, für das es in den achtziger Jahren nicht einmal ein Wort gegeben hat. Barbara Duden bringt die darin wahrnehmbare Beklemmung - eine diffuse Angst vor der Entkörperung - ins Bewusstsein und wendet sich gegen einen biowissenschaftlich verwischten Erfahrungsbegriff, der technologisch generierte Phantome in unser Selbstwissen einschleust. Relevanter für die Gegenwart kann historische Forschung schwerlich sein.

    Hildegard Elisabeth Keller

    Aus: Neue Zürcher Zeitung, 3. Dezember 2002

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    "Barbara Dudens Texte wirken lange nach. Sie zwingen zur Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung, mit dem als elementar empfundenen Körperbewusstsein, mit Ängsten und Machbarkeitsfantasien und mit den Vorstellungen, die man sich von sich selbst und von anderen macht. Dudens Texte behaupten die Verwissenschaftlichung des Selbstverständnisses nicht, sondern machen sie erfahrbar. Sie leiten an zu einer wohl immer nur punktuell gelingenden Distanzierung von den durch Bilder vom Körperinnern, durch das offizielle Sprechen über Gene oder Risikofaktoren und durch Praktiken wie Ultraschall, Krebsvorsorge oder das Einnehmen der Pille erzeugten Körpervorstellungen. Dudens Texte sind Aufforderungen zur praktischen und gedanklichen Verweigerung. Dies wird bei der Lektüre des hier besprochenen Bandes besonders deutlich." Christina Benninghaus In: Feministische Studien, 21. Jg. Mai 2003. S.148

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    Weibliche Körpergeschichte

    Einmal mehr widmet sich Barbara Duden dem Frauenkörper und beschreibt den Weg von der Leibfreiheit der „Bevölkerung" zum technokratischen Selbstverständnis.

    Die Historikerin Barbara Duden geht in ihrem neu erschienenen Buch „Die Gene im Kopf-der Fötus im Bauch" der Geschichte des Frauenkörpers nach. Sie markiert seine Bedeutung in einem bipolar gedachten Geschlechterverhältnis.„Frau" bzw. die „Gene in Frauen" dienen, so Duden,„als trojanisches Pferd, mit dem statistische und kybernetische Konzepte wie .Risiko', .Wahrscheinlichkeit', .Information',,Option' und ,Entscheidung' in den Alltag eingeschleust werden." Dieser Entwicklung setzt die Historikerin Erzählungen von Frauen, ihrem Körpererleben, von Schwangerschaften und Geburten in historischen Protokollen, sowie Geschichten von Hebammen aus der Praxis (rund um Schwangerschaft und Geburt) entgegen. Einerseits geht es hierbei um die Nacherzählung „alltäglicher Geschichten" des Werdens, andererseits um Wider-Sinn(Gebung), wider die Dominanz technokratisch (selbst)bestimmter Auffassungen: „Denn Gen-Gläubigkeit verlangt, sich Selbst und sein Gegenüber als ein selbststeuerndes und deshalb auch verwaltbares System zu verstehen, das bei entsprechendem Input eigenverantwortlich funktioniert." Im Kapitel „Wie Population zur abhängigen Variable wurde: Mensch und Bio-Masse" zeigt Duden den Übergang von der Geburtenkontrolle zur Bevölkerungskontrolle. Sie macht hierbei deutlich, dass „Bevölkerung" insofern „leibfrei" ist, als sie eine statistische Variable darstellt in bevölkerungspolitischen Profilen und Kalkulationen:„Bevölkerungen werden zu Objekten, mit denen sich etwas tun lässt: Man kann sie kontrollieren, entwickeln und begrenzen." Die von Duden genannten Fakten und Details zu den vielfältigen Verknüpfungen von Familien-, Gesundheits- und Sozialpolitik (in historischer Hinsicht zunächst in Bezug auf Europa und Nordamerika, im weiteren auch zur sogenannten „Dritten Welt") bieten eine Sammlung von historischem Wissen, welches in kritischer Analyse aufbereitet wird und auch sozialökonomisch interessant ist. Sie beschreibt Bevölkerung als „Schein-Sache",die in (daten)technischen Begriffen zum einen erfasst wird, sich jedoch zum anderen bzw. zugleich darin auch „auflöst": die-jeweils eigene- Körperlichkeit respektive die den Körpern innewohnenden „Persönlichkeiten" sind mehr, als „statistische Wahrscheinlichkeiten" ihrer Erfassung wiedergeben. Gedacht sei in diesem Zusammenhang u.a. an Risikoprofile, die der Gesundheits- bzw. Krankheitserfassung dienen. Die prominente Stellung des Frauenkörpers beschrieb Duden bereits in ihrem Werk „Der Frauenleib als öffentlicher Ort. Vom Missbrauch des Begriffs Leben" (1991). Eine beträchtliche Ausweitung erfahren technisch-apparative und (bio-)technologische Maßnahmen rund um Schwangerschaft und Geburt durch Neuerungen in Reproduktionsmedizin und Gentechnik. Technischapparative Untersuchungsmöglichkeiten, insbesondere bildgebende Verfahren in der Medizin (Ultraschall in der Schwangerschaft zur nahezu „flächendeckenden" vorgeburtlichen Diagnostik) haben im letzten Jahrzehnt zu einer starken Steigerung sogenannter „Risikoschwangerschaften" beigetragen: So belegt u.a. eine Untersuchung in Niedersachsen (Clarissa Schwarz und Beate Schücking) ein Ansteigen der als „Risikofälle" eingestuften Geburten von 29,9 % im Jahr 1987 auf 74% im Jahr 1999. Duden zeigt in ihrer Arbeit, dass die Körpergeschichte von Frauen aufgrund der biotechnologischen Entwicklungen nicht passe ist: Einerseits bzw. zum Teil gehören die von ihr beschriebenen Geschichten zu Körperwahrnehmungen und -empfindungen von Frauen der Vergangenheit an, andererseits stellen diese nach wie vor einen bedeutsamen „Schlüssel" zur Interpretation des Geschlechterverhältnisses dar, welcher nachhaltig von Interesse ist.

    Gerlinde Mauerer in: An-Schläge. Das feministische Magazin. Wien Dezember/Jänner, S.39

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    "In eindruckvoller Weise beschreibt die Autorin den medizinischen Fortschritt und gleichzeitig das Schwinden der Sinne und des Fühlens des eigenen Körpers durch den Menschen..Dieses sehr empfehlenswerte Buch regt zum kritischen Nachdenken und Diskutieren an. Für Fachleute ein Muss, für den Laien recht anspruchsvoll." Andrea Gödel In: Deutsche Hebammen Zeitschrift 10/2003

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