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Joachim Perels/Rolf Pohl (Hg.): NS-Täter in der deutschen Gesellschaft

  • Im Mittelpunkt der NS-Täterforschung steht die Handlungsstruktur der unterschiedlichen Täter und Tätergruppen und die Frage nach ihren persönlichen und politischen Antriebskräften. An die Stelle einer Dämonisierung der Täter ist in den letzten Jahren das Klischee vom "normalen Täter" getreten. Dieses Bild muß als Ausdruck der allgemeinen Tendenz einer "Normalisierung" des Holocaust infrage gestellt werden. Eine Kritik an der Ausblendung insbesondere der irrationalen und ideologischen Motive der Täter ist gemeinsamer Ausgangspunkt aller Beiträge. Der durch Verleugnungen und Verdrängungen bestimmte Umgang mit der nationalsozialistischen Despotie wird exemplarisch auf zwei Feldern untersucht: auf dem Gebiet des Strafrechts und der individuellen psychischen Reaktionsweisen.

    Inhaltsverzeichnis

    Vorwort 7

    Irmtrud Wojak,Eichmanns Memoiren und die »Banalität« des Bösen 17

    Jason Weber, Normalität und Massenmord. Das Beispiel des Einsatzgruppenleiters Otto Ohlendorf 41

    Rolf Pohl, Gewalt und Grausamkeit. Sozialpsychologische Anmerkungen zur NS-Täterforschung 69

    Kerstin Freudiger, Die blockierte Aufarbeitung von NS-Verbrechen in der Bundesrepublik 119

    Jan Lohl, Gefühlserbschaften. Zur Sozialpsychologie der intergenerativen Weitergabe des NS-Erbes 137

    Autoren 167

    Rezensionen:

    ..Die umfangreiche, sorgfältig erarbeitete Studie »Gewalt und Grausamkeit, sozialpsychologische Anmerkungen zur NS-Täterforschung« (S. 69-118) von Rolf Pohl beinhaltet betont kritisch auch das Unterthema der »Normalisierung der Täter durch die Holo-caust-Forschung«. Der Autor weist daraufhin, dass jene sozialpsychologischen und innerpsychischen Bedingungen, welche die Handlungen der NS-Mörder erst ermöglicht hätten, bisher kaum thematisiert worden wären. Deshalb werden zur Dechiffrierung der Gewaltpraxis des NS-Regimes eine Reihe differenzierter psycho-analytischer Ansätze zur menschlichen Grausamkeit vorgestellt, die im gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs vernachlässigt werden. Neben gewissen sadistischen Zügen, die unter den Bedingungen der NS-Herrschaft destruktiv ausbrechen konnten, ist es für Pohl die Auflösung von Moral und Gewissen, die mit einer vorschnellen Kennzeichnung der administrativen und exekutiven Mörder als »normal« unvereinbar ist. Am Typus des »Grausamkeitsarbeiters« (Mitscherlich) zeigt der Autor, wie die mechanisierte Tötungstätigkeit sich mit bestimmten innerpsychischen Entlastungsmechanismen verbindet und so überhaupt erst möglich wird. Um den Beitrag von Pohl gruppieren sich die beiden Täter-Einzeldarstellungen von Irmtrud Wojak (Fritz Bauer-Institut, Frankfurt) zu Adolf Eichmann (Eichmanns Memoiren und die »Banalität« des Bösen) sowie von Jason Weber (Sozialwissenschaftler) zu Otto Ohlendorf (Normalität und Massenmord. Das Beispiel des Einsatzgruppenleiters Ohlendorf). Wojak (S. 170) nimmt Bezug auf bisher kaum ausgewertete Quellen insbesondere die ausführlichen, auf Tonband festgehaltenen Gespräche, die Eichmann mit seinem SS-Gesinnungsgenossen Willem Sassen in Argentinien geführt hatte. Anhand ihrer Aufarbeitung, die ich als große wissenschaftliche Leistung erlebe, weist die Autorin nach, dass sich der fanatische, antisemitische Antrieb Eichmanns, der auch nach Kriegsende noch explizit an seinem Ziel festhielt, 10 Millionen Juden vernichten zu wollen, mit seiner außergewöhnlichen bürokratischen Organisationsfähigkeit widerspruchsfrei verbunden hatte. Ferner möchte Wojak Hannah Arendts vielfach missverstandenes Wort von der »Banalität des Bösen« - einer Banalität, die das Böse, die Ermordung von Millionen Juden ja nicht im Geringsten relativieren würde - genauer in den geschichtlichen Kontext gestellt sehen. Die frühen Selbstcharakterisierungen Eichmanns, die Hannah Arendt unbekannt gewesen seien, würden deutlich machen, dass er ein fanatischer Nationalsozialist und deshalb ein antisemitischer Überzeugungstäter gewesen wäre. Gleichermaßen wissenschaftlich gut fundiert wie die Arbeit von Wojak stellt sich mir die von Weber verfasste historische Ohlendorf-Studie dar (S. 41-68), die eine Fülle von außerordentlich wesentlichen Details enthält. Die Arbeit mündet in den Tenor ein, dass hier - ähnlich wie bei anderen Führungsgruppen des Reichssicherungshauptamtes - die Verbindung von eigenen, aktivistisch-völkischen Vernichtungszielen mit der Sicherung eines bürokratisch perfekten Ablaufs der Mordaktionen als Handlungsgrundlage bestanden hatte. Dieser Beitrag ist auch deshalb so wesentlich, weil in der Tat bisher zu Ohlendorf- obwohl er der am meisten erwähnte NS-Täter ist - noch keine ausführliche Biographie vorliegt. Der Autor schließt mit der nachdrücklichen Empfehlung, dass eine psychoanalytisch orientierte Täter-Psychologie ansetzen sollte, um zu relevanten Fragen und Erkenntnissen im Hinblick auf die Motive der NS-Täter zu gelangen. Zwei weitere Vorträge betreffen einesteils jenen von Kerstin Freudiger (Referentin des Niedersächsischen Justizministeriums), in dem es um die Ahndung jener nationalsozialistischen Verbrechen geht, die nach 1945 auf der Tagesordnung der Bundesrepublik Deutschland gestanden hatten (S. 119-136). Anderenteils geht es Jan Lohl (Sozialwissenschaftler) darum, hinzuweisen (S. 137-166), dass sich der gesellschaftliche und politisch rechtliche Umgang mit den nationalsozialistischen Verbrechen auch noch in drei aufeinanderfolgenden Generationen niederschlagen kann (einer »Gefühlserbschaft« im Sinne von S. Freud). Das große Verdienst dieses Buches liegt darin, dass hier das bisher im Schrifttum so vernachlässigte Gebiet der NS-Täter konsequent verfolgt wird. Die referierten fünf Beiträge, die sich durch eine differenzierte und informative Problemsicht auszeichnen, werden dem so wichtigen, aber gleichermaßen auch schwierigen Leitthema weitgehend gerecht, sofern es um die politologisch-historischen und die sozialpsychologischen Dimensionen geht. Infolgedessen werden die sorgfaltige Arbeit der beiden Herausgeber und die eingebrachten Beiträge entscheidend dazu beitragen, solche Erkenntnisblockaden aufzulösen, die nach wie vor im Umgang mit NS-Tätern existieren: »(...) dass dann, wenn sich der Nebel um die Täter lichtet, die Erinnerung an die Opfer wach bleibt« (Perels, Pohl).

    Kommentierend sollte ich ergänzen, dass ich das Votum von Weber voll bejahe, wonach eine psychoanalytisch orientierte Täter-Psychologie grundsätzliche Motiverhellungen bei den NS-Verbrechern beinhalten kann. Eine derartige psychoanalytische Klärungsmöglichkeit ist allerdings erst Ende der 80er-Jahre systematisch erarbeitet worden und zwar durch Otto Kern-berg anhand seines Konzeptes der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, deren Extrem das Syndrom des malignen Narzissmus darstellt. Erst auf Grund der Formulierung dieses Syndroms war die wissenschaftlich fundierte Möglichkeit gegeben, eine intrasubjektive Analyse der Täter auf psychodynamischer Basis zu realisieren. Auch zeigte Kernberg auf, dass bei Betroffenen mit diesem Syndrom traumatische Kindheitserlebnisse im Sinne von seelischer und/oder körperlicher Misshandlung eine ganz wesentliche Mitdeterminante für die schließliche Ausbildung des malignen Narzissmus darstellen. In seinem Buch Narzissmus und Macht - Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik (2002)2 hat Hans-Jürgen Wirth bei dem ehemaligen Serbenführer Slobodan Milosevic eben dieses Syndrom des malignen Narzissmus - geradezu im Sinne eines Steckbriefes - diagnostiziert. Ferner wurde für den Autor deutlich, dass der persönliche und familiäre Lebensweg Milosevic's von der Kindheit an durch schwere Verlusterlebnisse sowie durch extreme Formen der Destrukti-vität in Verbindung mit extremer Selbstdestruk-tivität geprägt gewesen war. Nach meinem Verständnis lässt sich die Diagnose des malignen Narzissmus auch - sozusagen retrospektiv - auf die ehemaligen SS-Führer Koch, Goeth, Höss, Ohlendorf und Eichmann übertragen: Fassade der kalten Grandiosität basierend auf der Identifikation mit der mächtigen sadistischen Autorität der SS-Ideologie (zwecks kompensatorischer Stützung der eigenen fragilen Identität), hochgradig defizitäre Impulskontrolle und fehlendes kontrollierendes Schuldgefühl, dissoziales und paranoides Agieren sowie seelische Leere. Allerdings sind für die NS-Täter verbindliche Daten zu deren Kindheitsund Jugendentwicklung nur noch in sehr begrenztem Umfang verfügbar. Hellmuth Freyberger

    In: Psychosozial 26. Jg. (2003) Heft 11 (Nr. 92)
     

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